18
Bobby Vasquez fand Sean McCarthy bis zum Hals in Schreibkram, als er das Dienstzimmer betrat und sich einen Stuhl an den Schreibtisch des Detectives zog.
»He, Bobby«, sagte McCarthy. »Was haben Sie?«
»Eine Menge«, erwiderte er und schlug den Ordner auf, den er unter dem Arm trug. »Cardoni wuchs außerhalb von Seattle auf. Seine Eltern ließen sich scheiden, und kurz darauf kam Cardoni in Schwierigkeiten. Auf der High School war er ein Starringer und hatte ausgezeichnete Noten, aber er wurde auch wegen Tätlichkeiten verhaftet. Der Fall kam nie vor Gericht. Ich habe keine Ahnung, warum das Verfahren eingestellt wurde. Nach der High School ging Cardoni mit einem Ringerstipendium an die Penn State, aber das verlor er, als er in seinem zweiten Jahr wieder wegen Tätlichkeiten verhaftet wurde.«
»Irgendwelche Details?«
»Über diesen Fall habe ich den Polizeibericht. Es war eine Kneipenschlägerei. Er hat den anderen ziemlich fertig gemacht. Als Teil einer Absprache mit dem Staatsanwalt meldete er sich zur Armee. Die Anklage wurde fallengelassen.«
»Wie machte er sich in der Armee?«
»Keine Probleme, soweit ich herausfinden konnte. Während der Militärzeit qualifizierte er sich für das Ringerteam und trainierte regelmäßig. Außerdem war er hervorragend im Nahkampf ohne Waffe. Nach der Armee ging er ans Hearst College in Idaho. Gute Noten, weiter erfolgreich als Ringer in der Collegeliga, danach Medizinstudium in Wisconsin und Assistenzzeit am New Hope Hospital in Denver.«
»Irgendwelche Schwierigkeiten in Idaho, Wisconsin oder Colorado?«
»In Colorado war Cardoni wegen eines Kunstfehlers angeklagt. Aber die Versicherung hat diese Sache bereinigt. Ich bin auf Gerüchte über Kokainmissbrauch gestoßen, und es gab einige Beschwerden wegen sexueller Belästigung, die aber im Sande verliefen. Nach seiner Assistenzzeit zog Cardoni nach Portland.«
»Woher stammt Cardonis Geld?«, fragte McCarthy.
»Ein Teil davon stammt aus einer Erbschaft. Seine Eltern sind tot. Außerdem habe ich gehört, dass er schlau investiert hat.«
McCarthy lehnte sich zurück und tippte nachdenklich die Fingerspitzen aneinander.
»Wenn Cardoni ein Serienmörder ist, dann hat er vielleicht nicht erst in Portland damit angefangen. Finden Sie heraus, ob es in Washington, Pennsylvania, Idaho, Wisconsin, Colorado oder in anderen Gegenden, in denen Cardoni lebte, ähnliche Mordserien gab wie die, um die hier geht.«
»Okay.«
»Weil wir gerade beim Thema sind, konnten Sie was über die Besitzverhältnisse des Anwesens in Milton County herausfinden?«
»Nichts. Ich war bei den Banken, die diese Schecks eingelöst haben, aber da es sich bei den Transaktionen immer um Beträge unter zehntausend Dollar handelte, gibt es keine Unterlagen. Haben Sie was Neues?«
»Ein bisschen was. Ich bin mir sicher, dass die Hütte in Milton County der Ort ist, wo die Organe für den Schwarzmarkt entnommen wurden. Erinnern Sie sich noch an diese Gläser im Kühlschrank?«
»Die mit der Aufschrift Viaspan?“
»Genau. Viaspan ist ein Konservierungsmittel für das Herz. Bevor man das Herz aus dem Körper des Spenders herausschneidet, injiziert man Viaspan. Es ersetzt das Blut, füllt alle Gefäße und konserviert das Herz, sodass keine Zersetzung eintritt, wenn es zu schlagen aufhört. Wenn das Herz entnommen ist, legt man es in eine Plastiktüte mit Viaspan. Auch bei anderen Organen kann Viaspan verwendet werden.«
»Bei einer Niere zum Beispiel?«
»Genau. Wir haben außerdem einige der Opfer identifiziert. Die enthauptete Frau ohne Herz ist Jane Scott, eine Ausreißerin. Ein anderes Opfer ist Kim Bowers, eine Prostituierte, die vor eineinhalb Jahren verschwand, und ein drittes ist Louis Pierre.«
»Der Student des Lewis and Clark College, der im Juni verschwand?«
McCarthy nickte. »Einer der Männer ist Rick Elam, ein Expedient, der im September als vermisst gemeldet wurde. Sowohl bei Elam wie bei Pierre fehlte eine Niere. Aber jetzt kommt das Interessante: Scott, Elam und Pierre waren wenige Monate vor ihrem Verschwinden Patienten im St. Francis.«
»Im Ernst? Waren sie Cardonis Patienten?«
»Nein, aber das war auch gar nicht nötig. Wenn man einen Spender für ein Herz sucht, muss man eine Person finden, deren Blutgruppe mit der des Empfängers vereinbar ist und deren Körpergewicht um nicht mehr als zwanzig Prozent vom Gewicht des Empfängers abweicht. Das Herz eines Menschen mit der Blutgruppe null kann jedem eingepflanzt werden. Cardoni oder Grant brauchten sich also nur die Krankenakten anzusehen.«
»Fehlten auch anderen Opfern Organe?«
McCarthy schüttelte traurig den Kopf. »Wie's aussieht, hat Cardoni sich mit ein paar dieser armen Schweine einfach nur vergnügt und bei den anderen Spaß und Geschäft vermischt.“